Personal

Nur nicht liegen bleiben

Mai 20, 2017
Porridge lecker essen frühstück Tasse Tee yumm breakfast aufstehen get up nicht liegen bleiben laptop MacBook Air MacBook Air

Part one: 

Manchmal darf man schwach sein

Ende März

„Bringst du mir bitte einen Kinderriegel mit?“. Die Ellbogen auf meine Knie stützend sitze ich auf der Sofakante, das Kreuz gebückt, kraftlos. Ich sehe gerade rechtzeitig auf, um das mitfühlende Lächeln meiner Mutter zu erblicken. „Kinderriegel oder Milkaschokolade?“, erwidert sie, immer noch lächelnd, in einem sanften Ton. In ihren Augen spiegelt sich Verständnis, Mitgefühl, ein bisschen Kummer ist auch dabei. Ich überlege hin und her. Fange dann an zu überlegen, ob ich überhaupt naschen soll, mein Ernährungsprogramm, das ich jetzt seit mehr als einer Woche tapfer verfolge, brechen soll. Seufzend teile ich ihr meine Entscheidung mit, und kurz bevor sie das Zimmer verlässt, um mir eine Tafel Milka zu holen, sage ich leise: „Weißt du Mama, manchmal darf man schwach sein.“

Morgen sind es genau zwei Wochen seit ich wieder in Deutschland bin. Und bis letzten Sonntag hatte ich tatsächlich kein Tränchen verdrückt, nicht bei meinem Abflug, nicht bei meiner Ankunft, und darauf war ich am stolzesten: Auch danach kein einmal, zwei Wochen lang. Dabei war meine Heimatstadt früher sehr gut darin, mich nach Auslandsaufenthalten schnell zu frustrieren und doch wieder fortzutreiben. Zu klein, zu eng, zu bekannt.
Ich fühlte mich stark, nicht unbesiegbar, aber definitiv ermutigt. Und als ich an diesem Sonntag die Tränen aufsteigen spürte, kämpfte ich lange dagegen an. „Du darfst jetzt nicht weinen! Wegen so einer blöden Kleinigkeit weinst du doch jetzt nicht. Du musst stark sein! Du hast es doch schon so lange geschafft.“
Heute schäme ich mich ein kleines bisschen für den Gedanken. Für den Gedanken, dass ich stark sei, wenn ich keine Träne an die Oberfläche ließe. Denn das Gemeine daran ist: Gefühle verlangen gefühlt zu werden. Ob Schmerz, Glück, Trauer, Vorfreude, Fernweh…wir können zwar versuchen, sie zu unterdrücken, aber letztendlich holen sie uns doch immer ein.

Sie war bereits an der Kellertür, als sie sich umdrehte und mich ansah. Erneut machte sie einen Schritt auf mich zu und ich versuchte ihren Blick zu deuten. Das liebevolle Lächeln hatte ihre Lippen verlassen und doch fühlte ich mich wie in einer wohligen Umarmung, eingehüllt von ihrem Blick, wie in einer kleinen Blase. Es dauerte einen Moment, bis ich erkannte, was die Augen meiner Mutter sagten: Ich bin stolz auf dich. Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und ich hatte das Gefühl, mehr erreicht zu haben, als mit jeder guten Note, die ich in meinem Leben geschrieben hatte.

Es ist okay, zu weinen. Es ist okay, den Kinderriegel zu essen, auch wenn man sich gesund ernähren möchte. Und es ist okay, zuzugeben, dass nicht alles okay ist.
Ich denke sogar, dass es nicht nur okay, sondern gut ist. Verletzlich zu sein, meine ich. Jeden Tag sehe ich Menschen in meinem Umfeld, die keine Gefühle an sich heranlassen, die ich so gut wie noch nie weinen gesehen habe. Menschen, die andere vielleicht als stark bezeichnen würden.
Und doch sträubt sich etwas in mir, so zu denken, wenn ich sie ansehe.
Denn ist es nicht genau das, das Öffnen, das Gefühle zeigen und Verletzlich-Sein, was uns mit einem Menschen verbindet? Ist es nicht der größte Vertrauensbeweis, sich vor einem Menschen derartig zu entblößen?

Und vielleicht bedeutet Schwach-Sein dann auch gar nicht, dass man nicht stark ist. Vielleicht liegt beides näher beieinander als man denkt.

Eine Weile saß ich noch so da, aß eine Rippe der süßen Sünde, und starrte ins Leere. Dachte an das Gespräch mit meiner Mutter, die vergangenen Tage und fühlte mich: Ehrlich. Als hätte ich einen Teil von mir wiedergefunden, den ich die letzten Wochen vernachlässigt hatte.
Denn manchmal darf man schwach sein. Manchmal muss man verloren gehen, um sich selbst wiederzufinden.

Porridge lecker essen frühstück Tasse Tee yumm breakfast aufstehen get up nicht liegen bleiben laptop MacBook Air MacBook Air

Part two:

Nur nicht liegen bleiben

20. Mai 2017

Morgens

Es ist Samstag. Meine Augen öffnen sich langsam. Der erste Tag seit zwei Wochen, an dem ich ausschlafen konnte. Die erste Nacht mit mehr als sechs Stunden Schlaf. Durchgeschlafen sogar.
Ich genieße den kurzen Moment der Orientierungslosigkeit, der Ungewissheit, ohne Sorgen. Wie viel Uhr ist es? Wie lange habe ich geschlafen? Mit einem Griff zum Smartphone erfahre ich es: 9:40 Uhr. Normalerweise stehe ich beim Ausschlafen nicht vor 11 Uhr auf.
Mein erster Gedanke: Rumdrehen. Weiterschlafen. Ausblenden. In meinem Kopf formt sich ein kleiner Kurzfilm, eine Vorahnung auf den Rest meines Tages: Schlafen bis 12 Uhr, sich im Schlafanzug bis zum Nachmittag herumdrücken. Duschen, ein bisschen im Internet Surfen, das war’s.

Gestern Abend las ich einen interessanten Artikel von Alina von selfboost. In ihrem Artikel beschrieb sie fast die haargenau gleiche Situation, das Verweilen und Verlieren in der Online-Welt, und die Trägheit, die das Ganze mit sich führt. Als ich diesen Morgen den Gewissenskampf in meinen Gedanken austrug, musste ich daran denken. Und legte das Handy aus der Hand. Mit einem Seufzen zog ich die Rollläden mit einem Schwung nach oben und: die Sonne strahlte mich an.

Früher Mittag

Meine gute Laune hielt nicht lange. Beim Frühstück-Machen in den Finger geschnitten, Stress zuhause und dieses Wohin-mit-mir-Gefühl. Tränen flossen, und ich kroch zurück ins Bett. Das Handy erneut in der Hand. Flüchten. Ich fühlte mich kraftlos, erledigt. War wieder dort, wo ich vor drei Stunden auch war, nur dieses Mal ohne jegliche Motivation.
Auch die tröstenden Versuche meiner Mutter blockte ich ab. Ob ich denn nicht was mit Freunden machen wolle, mir einen schönen Tag machen, den Stress der letzten zwei Wochen vergessen. „JA!“, schrie alles in mir. Ich wollte den Stress vergessen. Loslassen. Runterfahren. Das Wochenende in Oostende erschien mir schon wieder viel zu weit weg. Aber wie kann ich runterfahren, ohne zu wissen wie?

Mein Magen grummelte, denn das Frühstück, das wie die letzten Wochen nicht aus gesunden Zutaten, sondern Brot und Wurst bestanden hätte, hatte ich im Streit wieder weggeräumt. Und wieder eine Debatte in meinem Kopf: Frustessen oder gesund sein? Dem Verlangen hingeben oder sich endlich zusammenreißen? Unwillkürlich musste ich an den Text denken, den ich vor fast einem Monat geschrieben, doch nie veröffentlicht habe. „Ist doch eh nicht mehr aktuell“, schob mein Verstand den Gedanken beiseite. 
Eine Stunde hatte ich es aus dem Bett geschafft und saß ich mit einem warmen Haferflocken-Beeren-Porridge vor meinem Laptop. Und wieder erinnerte ich mich an die Worte: „Manchmal darf man schwach sein.“. Und trotz meiner negativen Stimmung vor ein paar Stunden, fühlte ich mich stärker werden. Oder vielleicht genau deswegen? Mit dem Plan, später ein paar Besorgungen zu erledigen und ein bisschen für mich zu stöbern, stand ich vor fünf Minuten noch unter der Dusche. Und reflektierte.

Ich weiß, dass ein einmaliges gesundes Frühstück nach einer zweiwöchigen Junk-Food-Orgie nicht in den Himmel gehoben werden sollte. Aber dennoch: Vor einem Monat saß ich nach einer solchen Situation – wenn auch mit der gleichen Erkenntnis – mit einer Schokorippe in der Hand da.

Heute weiß ich nämlich sicher: Manchmal muss man schwach sein. Weil Schwach-Sein auch zu Stärke führt. Es ist okay, zu weinen und nochmal ins Bett zu kriechen. Es ist okay, die Schokorippe zu essen. Und es ist nötig, die kleinen Veränderungen und Erfolge anzusehen: Auch wenn nur die Schokolade gegen Porridge eingetauscht wird.
Man darf eben nur nicht liegen bleiben: Weder am Smartphone noch im Leben.

Porridge lecker essen frühstück Tasse Tee yumm breakfast aufstehen get up nicht liegen bleiben laptop MacBook Air MacBook Air

Follow my journey!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Protected with IP Blacklist CloudIP Blacklist Cloud